
Am 20. Mai 2026 fand bei Wolf Theiss in Wien ein weiterer Pride Biz Circle statt. Unter dem Titel „Mikroaggressionen im Arbeitsalltag – Wo Recht endet und Verantwortung beginnt“ widmete sich der Abend einem Thema, das in vielen Unternehmen präsent ist, jedoch oft schwer greifbar bleibt: subtile Formen von Diskriminierung im Arbeitsalltag und der Umgang damit aus rechtlicher, organisatorischer und zwischenmenschlicher Perspektive.
Gemeinsam mit unserem langjährigen Kooperationspartner Wolf Theiss diskutierten Expert:innen aus Recht, Unternehmenspraxis und Awareness-Arbeit darüber, wie Mikroaggressionen erkannt werden können, welche Auswirkungen sie auf Betroffene und Teams haben und welche Verantwortung Organisationen tragen – auch über gesetzliche Verpflichtungen hinaus.
Mikroaggressionen verstehen: Diversität, Sprache und Verantwortung
Zum Auftakt begrüßten Clar Gallistl, Vizepräsidentin von Pride Biz Austria, sowie Sebastian Oberzaucher, Partner und Mitglied des Management Boards von Wolf Theiss, die Gäste. Bereits in der Einführung wurde deutlich, dass Mikroaggressionen keine „neuen“ Phänomene sind, sondern gesellschaftliche Dynamiken beschreiben, die insbesondere marginalisierte Gruppen seit langem erleben. Clar Gallistl verwies dabei auch auf die Herkunft des Begriffs „Mikroaggressionen“, der ursprünglich vom US-amerikanischen Psychiater Chester M. Pierce geprägt wurde, um alltägliche subtile Formen von Diskriminierung und Abwertung gegenüber Schwarzen Menschen zu beschreiben.
Sebastian Oberzaucher sprach anschließend über die internationale Tätigkeit von Wolf Theiss und darüber, wie unterschiedlich der gesellschaftliche Umgang mit Vielfalt innerhalb der Regionen erlebt wird. Dabei machte er deutlich, warum sichtbare Positionierung und gelebte Inklusion für Unternehmen eine wichtige Rolle spielen:
„Wir sind nicht trotz dieser Vielschichtigkeit erfolgreich geworden, sondern gerade wegen dieser Vielschichtigkeit.“
Sebastian Oberzaucher, Managing Partner bei Wolf Theiss
Er betonte außerdem, dass offene Unternehmenskulturen nicht nur Aufgabe von Organisationen insgesamt, sondern insbesondere auch Verantwortung von Führungskräften seien. Veranstaltungen wie dieser Pride Biz Circle seien wichtig, um Sensibilisierung zu schaffen und ein gemeinsames Verständnis für respektvolle Zusammenarbeit zu fördern.
Rechtliche Einordnung: Wann werden Mikroaggressionen zu Diskriminierung?
Im anschließenden Impuls „Belästigung am Arbeitsplatz: Rechtliche Grundlagen und Pflichten von Arbeitgeber“ gab Lisa Herburger, Juristin bei der Gleichbehandlungsanwaltschaft, einen Überblick über die rechtliche Perspektive auf Diskriminierung und Belästigung am Arbeitsplatz. Dabei erläuterte sie die Grundlagen des Gleichbehandlungsgesetzes sowie die Voraussetzungen, unter denen diskriminierende Belästigung rechtlich vorliegt. Besonders eindrücklich war ihre Erklärung, dass nicht die Absicht hinter einer Aussage entscheidend sei, sondern deren Wirkung auf betroffene Personen.
Lisa Herburger zeigte anhand konkreter Beispiele auf, wie wiederholte Kommentare, stereotype Zuschreibungen oder Misgendering diskriminierende Wirkung entfalten können – auch dann, wenn diese Aussagen vermeintlich „nicht so gemeint“ waren. Gleichzeitig machte sie deutlich, dass Unternehmen eine gesetzliche Verpflichtung haben, bei gemeldeten Vorfällen aktiv zu handeln und Betroffene zu schützen.
Ein weiterer Schwerpunkt ihres Vortrags lag auf der sogenannten Abhilfepflicht von Arbeitgeber:innen. Sie erklärte, wie wichtig transparente Prozesse, ernst gemeinte Gesprächsangebote und rasches Handeln sind, um ein sicheres Arbeitsumfeld zu gewährleisten.
Auf dem Bild zu sehen: Lisa Herburger (Gleichbehandlungsanwaltschaft)
Zwischen Gesetz und gelebter Realität
Im anschließenden Panel „Zwischen Gesetz und gelebter Realität: Mikroaggressionen im Arbeitsalltag“ diskutierten:
- Alexander Berth, Diversity & Social Impact Manager, Greiner AG
- Angelika Lange, Senior Associate, Wolf Theiss
- Nikolaus Loudon, Partner, Wolf Theiss
- Anna Schwamberger, Counsel, Wolf Theiss
- Barbara Rheden, Pädagogin und Gründerin der Awarenessagentur
gemeinsam über praktische Herausforderungen, Prävention und konkrete Handlungsmöglichkeiten im Unternehmensalltag.
Die Diskussion zeigte schnell, dass Mikroaggressionen häufig nicht als einzelne „große Vorfälle“, sondern vielmehr als wiederkehrende kleine Grenzüberschreitungen wahrgenommen werden, die sich langfristig auf das Sicherheitsgefühl und die Unternehmenskultur auswirken können.
Barbara Rheden sprach dabei insbesondere über die Bedeutung von Awareness-Arbeit und Prävention. Ziel müsse es sein, frühzeitig aufmerksam zu werden und Strukturen zu schaffen, in denen Menschen Vorfälle ansprechen können: „Nicht erst warten, bis ein Übergriff passiert, sondern rechtzeitig, schon wenn Mikroaggressionen entstehen, eingreifen und etwas sagen.“ Sie betonte außerdem, wie wichtig psychologische Sicherheit und klare Prozesse innerhalb von Unternehmen seien – sowohl für betroffene Personen als auch für Führungskräfte und Teams.
Angelika Lange brachte die Perspektive aus der Praxis als Strafrechtlerin ein und sprach darüber, wie wichtig offene Unternehmenskulturen und niederschwellige Gesprächsmöglichkeiten im Arbeitsalltag seien. Gerade wenn ein vertrauensvolles Umfeld bestehe, würden sich Mitarbeitende eher trauen, schwierige Situationen anzusprechen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. „Wenn die Türen offen sind, wenn ein gutes Miteinander herrscht, dann trauen sich die Leute auch, Probleme anzusprechen.“ Lange betonte außerdem, dass viele Konflikte frühzeitig entschärft werden könnten, wenn Gespräche rechtzeitig geführt werden und Betroffene Unterstützung erhalten.
Auch Anna Schwamberger, Counsel bei Wolf Theiss, sprach über die Verantwortung von Arbeitgebenden im Umgang mit Konflikten und Diskriminierungsvorfällen. Aus ihrer arbeitsrechtlichen Praxis berichtete sie, dass viele Fälle erst dann sichtbar werden, wenn Konflikte bereits eskaliert sind. Umso wichtiger seien klare Prozesse und das Bewusstsein dafür, dass auch Unternehmen Verantwortung übernehmen müssen. Gleichzeitig hob sie hervor, dass viele Betroffene Hemmungen hätten, Vorfälle anzusprechen, weil häufig die Sorge bestehe, negative Konsequenzen für das eigene Arbeitsverhältnis befürchten zu müssen.

Alexander Berth (links) und Barbara Rheden (rechts)
Unternehmenskultur braucht Kommunikation
Alexander Berth brachte die Perspektive aus der Unternehmenspraxis ein und sprach offen darüber, dass Diskriminierung und Konflikte auch in großen Organisationen Realität seien. Entscheidend sei jedoch, wie Unternehmen damit umgehen: „Es kann keine Organisation mit über 10.000 Menschen geben, wo sowas nicht passiert.“ Besonders wichtig sei aus seiner Sicht eine offene Gesprächskultur: „Mein pragmatischer Ratschlag ist: miteinander reden“, so Alexander Berth.
Im weiteren Verlauf des Panels wurde mehrfach hervorgehoben, dass Führungskräfte eine zentrale Rolle dabei spielen, Räume für Offenheit und Zivilcourage zu schaffen. Nikolaus Loudon sprach in diesem Zusammenhang über die Bedeutung eines Arbeitsumfelds, in dem Mitarbeitende Probleme frühzeitig ansprechen können: „Zivilcourage erfordert Mut – aber auch ein Umfeld, in dem man sich trauen kann, das zu tun.“
Auch die Auswirkungen von Homeoffice und digitaler Kommunikation auf zwischenmenschliche Dynamiken wurden diskutiert. Gerade schriftliche Kommunikation könne Missverständnisse verstärken und neue Herausforderungen im Umgang mit Mikroaggressionen schaffen.
Verantwortung über gesetzliche Mindeststandards hinaus
Ein zentrales Thema des Abends war die Frage, wie Unternehmen über gesetzliche Anforderungen hinaus Verantwortung übernehmen können. Diskutiert wurden unter anderem:
- psychologische Sicherheit im Arbeitsalltag
- Awareness- und Vertrauensstrukturen
- transparente Prozesse im Umgang mit Vorfällen
- Präventionsmaßnahmen und Führungskultur
- die Balance zwischen Schutz Betroffener und sorgfältiger Sachverhaltsaufklärung
Besonders deutlich wurde dabei, dass inklusive Unternehmenskulturen nicht durch einzelne Maßnahmen entstehen, sondern durch kontinuierliche Sensibilisierung, Reflexion und offene Kommunikation.
Vielen Dank
Wir bedanken uns herzlich bei Wolf Theiss für die Gastfreundschaft und die langjährige Zusammenarbeit sowie bei allen Speaker:innen und Gästen für die wertvollen Beiträge, offenen Perspektiven und den gemeinsamen Dialog zu diesem wichtigen Thema.
Fotos (c) Pride Biz Austria / Simon Kupferschmied













